Walter Menni Bachauer

 

 

 

 

 

"Park & Write" - Geschichten, die ich auf dem Parkplatz schrieb

Das ist der Titel der neu überarbeiteten "Gemischten Geschichten" , die inklusive zweier neuer Erzählungen und in frischem Gewand an sofort (August 2020) im Buchhandel und Online erhältlich sind. Näheres auf Klappentexte, Cover.

 


 

 

 

 


"Jasmin und Chickenwings", mein erster Roman, ist jetzt (Juni 2020) erhältlich! Er erscheint beim BoD-Buchshop, ist im gängigen Online-Buchhandel (siehe Shop) und über mich  (auch im Shop) zu beziehen. Oder natürlich persönlich hier in Webams (bitte vorher bestellen!). Wenn ihr direkt bei BoD bestellt, bekomme ich mehr Marge pro Buch!

 

 

 

 

 

 

Zusätzlich gibt es Mennis Lese-Stick. Er ist gut gefüllt mit Geschichten, Essays, Gedichten, Liedtexten etc. Man kann sich da die Texte ausdrucken lassen, oder sie aufs Tablet kopieren, wie man möchte. Und wenn einem gar nix gefällt, löscht ihr eben alles, dann habt ihr zumindest noch einen 1 GB USB-Stick....

Inhalt, die allermeisten Texte sind unlektoriert:

Die frühen Texte der Ordner Gedichte 1975 - 79 sowie Stories und Texte 1975 - 78.

Es handelt sich hier um alte Schreibmaschinen-Texte, ich habe sie im Original, also mit allen Korrekturen und Kaffeeflecken und den sehr originellen Signets, als PDF-Dokument lesetauglich eingescannt. Viel Spaß beim Lesen meiner schwerst-pubertären Jugend-Literatur!

 Bruno bläst ins Horn 1988 - 1990

ein halb-biografischer Roman-Entwurf, abgetippt auf Schreibmaschine bei Kerzenlicht und Flaschenbier während eines vier-tägigen Stromausfalls infolge schwerer Schneebrüche im Winter 1990 hier in Webams. Auch als PDF-Dokument eingescannt.

 Die experimentellen Texte 1990 - 2010

- die reine Lust am Fabulieren! -

Die Liedtexte 2007 - Heute, eine Auswahl

Wiederholungen und Refrains, für die musikalische Umsetzung unerlässlich, habe ich hier für die literarische Form soweit als möglich weggelassen.

 Aktuelle Texte, 2011 – 2016

Kurzgeschichten, Essays, etc

 

Aus dem Buch "Park & Write " - Geschichten, die ich auf dem Parkplatz schrieb

Zeit der Engel

Das Hotel war eigentlich nicht ganz mein Stil. Es war sehr einfach, eher ein Hostal. Überwiegend junge Leute stiegen dort ab, junge Menschen, die ein freiwilliges soziales Jahr hier absolvierten. In den umliegenden Kliniken meistens. Es war so eine Art Zentrum für etwas, das sich "internationaler Bund" nannte, es gab da auch Schulungsräume und Informationstafeln, ich habe mich nicht näher damit beschäftigt, aber die ganze Atmosphäre des Hauses war jung. Es atmete Leichtigkeit, es roch nach Idealismus und Anfang, oft hörte ich Lachen und die scherzhaften Unterhaltungen draußen auf dem Gang vor meinem Zimmer. Das gefiel mir. Im Zimmer Nr 9 gab es einen Schimmelfleck hinter dem Bett, in der Nummer 10 hätte die Wand längst schon einen neuen Anstrich verdient gehabt. Der Fernseher war zu klein und auf dem nach oben gerichteten Leuchtteller der Stehlampe lagen lauter Leichen von Insekten, --- in beiden Zimmern. Trotzdem war es okay, die kleine Nasszelle mit WC war tipptopp, ohne Schimmel in den Ecken, keine Stockflecken auf dem Duschvorhang. Ein bisschen zu teuer, ja, ohne Frühstück, aber dafür hatte ich Zugang zu einer Gemeinschaftsküche mit abschließbarem Kühlschrankfach, gibt es auch nicht überall. Für mich war das Haus perfekt. Auf der Hofseite des Hotels, rechter Hand, in der hintersten Ecke neben den Garagen, begann ein steiler, dicht eingewachsener Weg hinauf zur Klinik. Durch das dunkelgrüne Blätterdach fiel kaum ein Lichtstrahl, sodass der Weg und die dazugehörigen Stufen fast immer nass und glitschig waren. Gerade beim Abstieg musste ich mich hüten, nicht auszurutschen und mir den Hals zu brechen. Anfangs brauchte ich beinahe fünfzehn Minuten für den Weg, ich war nicht fit, mein Herz raste, ich hustete und schnaufte wie ein alter Mann, als ich endlich oben ankam. Und doch wußte ich sofort, auch dieser Weg war perfekt für mich. Bald brauchte ich nur noch zehn Minuten hinauf zur Klinik, mein Schritt wurde stärker, mein Blick wacher. Im rhythmischen Wechsel lösten sich Stufen und Weg ab: eins, zwei, drei, vier, fünf Stufen, dann zehn Schritte Weg, wieder fünf, mal sechs Stufen, Weg. Immer bergauf. Abends, nach einem langen Besuchstag in der Klinik, ging ich hinunter in die Stadt, vorbei an meinem Hotel, nochmals zehn Minuten bergab, da gab es einen Thai - Imbiss, ich bestellte ein grosses Bier vom Fass und jedesmal das gleiche Gericht. Nummer 87, gebratenes Gemüse mit Pilzen und Reis. Danach stieg ich wieder hoch, wieder Treppen, schmale Wege, auch ein Stück Straße. Ein bisschen beschwingt, doch genauso konzentriert. Später ging ich auch mal in die Altstadt, in andere Lokale, ließ mich treiben. Ich bin kein Mensch, der gerne allein in ein Restaurant geht, normalerweise fühle ich mich da unwohl, ich ziehe die Anonymität eines Schnellimbiss vor, doch das änderte sich, je länger ich in dieser Stadt meine Kreise zog. Ich befand mich in einem emotionalen Ausnahmezustand, die täglichen Besuche in der Klinik, das Leid und die Unglaublichkeit eines Alltags auf der neurochirurgischen Station, dies alles hob mich heraus aus der Menge und schottete mich ab vor den Banalitäten des Normalen. Meine Anwesenheit hier an diesem Ort war von tiefer Achtsamkeit geprägt und glich einer nicht endenden Meditation. Ich wanderte durch die Straßen und über die Plätze der Stadt wie in Trance, bergauf, bergab,-- und mein ganzes Dasein war von Gedanken an Heilung bestimmt. Sobald ich mich außerhalb der Klinik befand, sprach ich mit kaum einem Menschen. Ich beschränkte meine Konversation auf das Nötigste, die Essensbestellung, die Formalitäten an der Rezeption des Hotels, sonst nichts. Schweigend drehte ich meine Runden und ließ mich auf die Atmosphäre des Außergewöhnlichen ein. Ich wurde immer aufmerksamer, meine Beobachtungen, meine kontemplativen Betrachtungen des Lebens um mich herum wurden nochmal intensiver. Und in der dritten Woche meiner Besuche bemerkte ich sie. Sie waren überall. Auf dem Klinikgelände, neben und auf den Gehwegen und Zufahrten zum Klinikum und im dichten Waldgürtel des Klinik - Berges sowieso: Unmengen von Amseln. Sie waren mir bisher nicht aufgefallen, zu sehr war ich abgelenkt von der Betriebsamkeit dieses Groß - Klinikums, von meinen eigenen, sorgenvollen Gedanken, als dass ich sie hätte bemerken können. Aber dafür fielen sie mir jetzt, nachdem ich endlich ihrer gewahr wurde, umso mehr auf. Auf allen Dächern, Firsten und Giebeln der Gebäude konnte ich sie sehen, auf jeder Fahnenstange, in jedem Busch, auf allen Baumwipfeln ließen sie sich nieder, sie bevölkerten das gesamte Gebiet um die Klinik. Ich hatte noch nie so viele Amseln an einem Ort versammelt gesehen wie hier. Spontan fand ich einen Namen für sie, ich nannte sie fortan die Trost - Amseln vom Klinik - Berg. Sie sangen immerzu, aber gegen Abend wurde der Gesang geradezu grandios. Tagsüber pfiffen und trällerten sie munter vor sich hin, doch das spezielle, von wunderschöner Melodik geprägte Abendlied der Amsel entfaltete sich erst in den Stunden der Dämmerung. Die verschiedenen Gebäude der Klinik standen so zueinander, dass sie mehrere große und hohe Innenräume bildeten, Kathedralen nicht ganz unähnlich. Dementsprechend war die Akustik und der Widerhall des vielfachen Amselgesangs Ehrfurcht gebietend. So oft ich abends vor Ort war, lauschte ich atemlos diesem Konzert von einzigartiger Schönheit, das so hoffnungsvoll und Trost spendend durch jede Fuge, durch jedes Fenster, durch jede noch so kleine Öffnung in dieses Haus der Leiden Einzug hielt. Letztendlich gab es für jenes wundersame Erlebnis nur eine Erklärung, es fiel mir wie Schuppen von den Augen:

Das mussten Engel sein. Kleine schwarze Engel ...
Sie hatten Flügel, sie sangen himmlisch und sie waren genau da, wo sie gebraucht wurden.